Das Thema Selbstwert begleitet mich schon seit meiner Jugend.
Ich war als Kind und Jugendliche übergewichtig und wurde deswegen auch gehänselt. Während meiner Schulzeit war ich lange überzeugt, die «Hässlichste der Klasse» zu sein. Mein Körper war für mich nicht einfach mein Körper – er bestimmte stark, wie ich mich als Mensch wahrnahm.
Erst gegen Ende meiner Teenagerzeit begann sich etwas zu verändern.
Ich begegnete Menschen, die viel selbstverständlicher mit sich selbst umgingen. Frauen, die nicht ständig an ihrem Körper etwas auszusetzen hatten. Menschen, bei denen ich erfahren durfte, dass Attraktivität und Wert sehr viel mehr sind als Kleidergrösse, Gewicht oder ein vermeintlich perfektes Äusseres.
2004 nahm ich deshalb bewusst an einer MissMolly-Wahl teil und wurde Zweite. Nicht weil eine Misswahl mein Selbstwertproblem lösen sollte, sondern weil ich gerne ein Gegenbild zeigen wollte: Eine Frau darf sichtbar sein, sich schön fühlen und selbstbewusst auftreten, auch wenn sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht.
2007 hielt ich zum ersten Mal einen Vortrag zum Thema Selbstwert. Die vielen persönlichen Gespräche danach zeigten mir, wie viele Frauen – unabhängig von Alter, Aussehen oder Lebenssituation – ähnliche Fragen beschäftigen.
Seither ist mein Verständnis von Selbstwert weitergewachsen.
Heute begegnet mir das Thema nicht mehr nur im Zusammenhang mit dem Körper.
In meiner Arbeit mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen erlebe ich, was geschieht, wenn jemand aufgrund einer Erkrankung, einer psychischen Belastung oder eines schwierigen Lebenswegs plötzlich nicht mehr leisten kann, was unsere Gesellschaft erwartet.
Manche Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren. Andere können nur wenige Stunden pro Woche tätig sein. Einige werden vermutlich nie mehr auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten können.
Und trotzdem sind sie nicht weniger wert.
Vielleicht hat mich gerade diese Arbeit noch einmal neu gelehrt, was Selbstwert wirklich bedeutet.
Es geht nicht darum, immer selbstsicher zu sein.
Es geht auch nicht darum, alles an sich toll finden zu müssen.
Für mich bedeutet gesunder Selbstwert heute vor allem, den eigenen Wert nicht ständig neu verdienen zu müssen.
Nicht durch Schönheit. Nicht durch Leistung. Nicht durch Erfolg. Nicht durch die Anerkennung anderer.
Diese Erfahrung möchte ich weitergeben.